Pflegenotstand – meine persönliche Meinung

Spiegel online: Krankenschwester schreibt emotionalen Brief an Gesundheitsminister Spahn

Liebe Kollegin!

Vielen Dank für Ihre mutigen Worte…

Halt, Moment. Wieso mutig? Was Sie schildern ist doch Teil der täglich erlebten Realität. Wozu braucht es Mut diese offensichtlichen Dinge beim Namen zu nennen?

Den Mut braucht es um in diesem unredlichen System „Gesundheitswesen“ die Missstände öffentlich zu benennen und sich dem Risiko auszusetzen den diese Offenheit mit sich bringt. Ich kenne viele „Nestbeschmutzer“ und „Systemsprenger“, viele Kollegen und Kolleginnen die ausgestoßen und mundtot gemacht wurden, nur weil Sie aus Ihrer humanistischen Grundhaltung heraus den Wahnsinn Pflege in Deutschland nicht mehr widerspruchslos hinnehmen wollten.

Jeder in der Pflege tätige kennt die Ungeheuerlichkeiten mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind. Egal ob wir in einem Krankenhaus, in einem Altenheim oder in der ambulanten Pflege arbeiten. Die Menschen die wir zu versorgen oder zu betreuen haben vertrauen auf uns! Sie vertrauen darauf nicht nur die bestmögliche medizinisch-technische Versorgung zu erhalten, sondern insbesondere darauf menschenwürdig und respektvoll behandelt zu werden.

In dem gegenwärtig monetär ausgerichtetem System, ist menschliche Zuwendung und humanistisches Handeln nicht vorgesehen. Daran wird auch ein Herr Spahn nichts ändern wollen. Ich vermute einmal auch aus gutem Grund… Seine Aussagen zu den sogenannten „Sofortmaßnahmen“ und seine jüngsten Äußerungen lassen jedenfalls das schlimmste befürchten.

Wir haben kein Erkenntnisdefizit, wir haben Defizit in der Umsetzung der lange bekannten Missstände und Fehlentwicklungen im „Pflegemarkt“. Seit Jahren jagt ein „Reförmchen“ das andere und an der Arbeitssituation der Pflegekräfte und Lebenssituation der Bewohner hat sich nichts zum Vorteil für die betroffenen Anspruchsgruppen verändert. Außer natürlich für die Profiteure dieses Systems. Dabei ist die Marktkonzentration der Pflegekonzerne, mit allen negativen Begleiterscheinungen, auch nur ein Aspekt von vielen.

Wie recht Sie haben, wenn Sie die Frage stellen, wie es sein kann das dem „Solidarsystem Pflege“ ganz legal und politisch genau so gewollt, jedes Jahr Millionenbeträge entzogen werden, um Anlegern satte Dividenden zu zahlen und die Aufsichtsräte mit Unsummen für Ihre „soziale Arbeit“ zu entlohnen. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen.

Wir wissen, und das vielfach evidenzbasiert, was der Pflege fehlt, was in den Krankenhäuser und Altenheimen fehlt, was den Menschen mit Demenz fehlt, was den Angehörigen fehlt…
Die Aufzählung ließe sich unendlich lange fortsetzen.

Was fehlt, sind Menschen mit politischer Verantwortung die bereit sind, Ihr soziales Gewissens als Volksvertreter ernst zu nehmen und bereit sind sich den Problemen in einem ergebnisoffenem gesellschaftlichem Dialog zu stellen. Ich habe so eine Ahnung, dass dies mit Herrn Spahn nicht möglich sein wird.

Daher braucht es immer wieder den Mut die Dinge beim Namen zu nennen.

Mit kollegialer Hochachtung

Jörg Leukel
Leukel Demenz Pflegeschulung